Hameln anno 1284

22. Ott. 21 - 20:00
Hameln anno 1284

Mittelalterliche Flötenmusik auf den Spuren des Rattenfängers

Norbert Rodenkirchen: mittelalterliche Traversflöten, Harfe
Victor Calero: Rezitation
 
Mit der Gestalt des fahrenden Musikers im Mittelalter ist unserer heutigen Zeit ein Bild überliefert worden, welches die Phantasie in starkem Maße beflügelt. Eine bestimmte Figur sticht heraus und beschäftigte schon die anbrechende Neuzeit in so starkem Maße, dass sie über die Jahrhunderte hinweg heute nur noch in den märchenhaften Klischees der Rattenfängersage wahrgenommen wurde: die des dämonisch anmutenden Pfeifers, welcher in Hameln am Johannistag, 26. Juni 1284 die Heranwachsenden der Stadt höchstwahrscheinlich für ein Besiedlungsprojekt im Ostseeraum abwarb und für den „Exitus puerorum“, den Auszug der Knaben neben seiner Überredungskunst eine außergewöhnlich suggestive Flötenkunst beherrscht haben muss, der sich niemand entziehen konnte und welche über harmlose Volksbelustigung weit hinausgegangen sein dürfte.
Um eine musikalische Spurensuche in Bezug auf die historischen Hintergründe dieses Ereignis sowie um eine rekonstruktierende Annäherung an eine solchermaßen bezwingende flötistische Darbietung mittelalterlicher Musik soll es hier gehen. Norbert Rodenkirchen reizt die Frage nach der möglichen Spielweise dieses unheimlichen Flötisten unter Einbeziehung des Wissens über die historische instrumentale Aufführungspraxis des 13. Jahrhunderts im Allgemeinen und über die historischen Details des Hamelner Auszugs im Besonderen.
Der von den Hamelner Bürgern als dramatisch empfundene „Exitus puerorum“, angeführt von einem dreißigjährigen Mann mit Silberpfeife, ist durch Quellen verbürgt, wobei der erste Teil des Märchens mit der Rattenvernichtung erst Jahrhunderte später im Zusammenhang mit der Sagenbildung hinzugedichtet wurde. Die Untersuchung von Orts, und Personennamen, sowie die Daten deutscher Dorfgründungen in den vormals slawischen Regionen Uckermark, Prignitz, Pommern und Rügen lassen ohne Zweifel erkennen, dass es vor allem im späten 13. Jh. einen enormen Bevölkerungszuwachs aus Niederdeutschland, u.a. in vielen Fällen aus dem Weserbergland in die spärlich besiedelten Gebiete nahe der Ostsee gab. Hier wird auch deutlich, dass Hameln kein Einzelfall war, sondern vermutlich nur der einzige Fall, in dem dieser Auszug einer großen Anzahl Jugendlicher (die Quellen sprechen von 130 Knaben, von Kindern ist nie die Rede) gegen den Willen der Stadt erfolgte. Die Durchführung der Ostkolonisation wurde von den dort ansässigen Herrschern nachweislich sogenannten Lokatoren übertragen, welche sich um alle Aspekte des Siedlungsprojektes von der Anwerbung über die Reise bis hin zur vorläufigen wirtschaftlichen Absicherung der Neuankömmlinge zu kümmern hatten. Es ist also anzunehmen, dass es sich bei dem Pfeifer um einen ganz offiziellen Lokator handelte, der die Jugend der Stadt zusätzlich durch Musik begeistern konnte. Er wird auch das Datum des Johannisfestes bewusst gewählt haben, da wärend der Tage der Sommersonnenwende in vielen deutschen Gegenden ausschweifende Feste und Gelage außerhalb der Stadt in der Natur stattfanden – durchaus als Relikt aus heidnischer Zeit.
Die besondere zeitliche und regionale Nähe zum Kontext des Flötenspielers in Hameln führte Norbert Rodenkirchen auf die Spuren des Sängers Wizlaw III., Prinz und späterer Fürst von Rügen aus slawischem Adelsgeschlecht. Wizlaw wurde 1265 oder 68 geboren, starb am 8. November 1325, und steht in enger Beziehung zum mysteriösen Musiker „Der unghelarte“ (Der Ungelehrte) aus Stralsund, der vermutlich Wizlaws musikalischer Lehrer war und auf dessen Sangspruchmelodie „senende wise“ (sehnende Weise) sich Wizlaw in einem seiner Lieder direkt bezieht. Die Senende Wise des Unghelarten ist zweifelsohne die Musik, die den Hamelner Ereignissen zeitlich und regional am nächsten kommt. Sie spielt daher im Programm „Hameln anno 1284“ eine zentrale Rolle. Zusätzlich in das Programm eingewoben sind Adaptionen altslawischer Weisen und Tanzfragmente aus dem Ostseeraum für Flöte. Sie stammen aus dem Gebiet des heutigen nördlichen Polen, welches zusammen mit Pommern und Rügen als wahrscheinliches Ziel des Hamelner Auszugs angesehen werden darf. Hierbei spielt der Kontext des Kupala-Tanzes, also der rauschhaft orgiastischen Verehrung des Fruchtbarkeitsdämons zur Sommersonnenwendfeier eine besondere Rolle.
Es geht also neben „Early Music“ ebenso um künstlerische Imagination, um das Hervorrufen der verführerisch wirkenden Klangmagie des unheimlichen Pfeifers, um seine hypnotischen Flötenweisen, um archaische Improvisationen, tranceartige Rhythmen und um Anklänge an Musik aus fernen Ländern. Es geht also auch um den zu allen Zeiten unwiderstehlichen Klang der Fremde.
 
More info: www.norbertrodenkirchen.org
 
Eintritt frei – Kollekte